Gesunde Stadtbeleuchtung

Eine Stadt beleuchtet man, wie ein Wohnzimmer.

Die Stadt ist ein Aufenthaltsraum, in dem wir uns nachts geborgen fühlen wollen und in dem wir uns sicher bewegen sollen.  Dabei soll sie aber auch ansprechend, modern und repräsentativ aussehen, ohne

übertrieben auffällig zu wirken oder die Anwohner durch Licht zu belästigen.

Ein Stadtbeleuchtungskonzept besteht aus drei Teilen: Erstens, die allgemeine Beleuchtung der Verkehrswege: Fußwege, Straßen, Wege über Plätze. Zweitens, die Architekturbeleuchtung für Gebäudewände oder besondere Elemente des Stadtraums, wie Denkmäler. Der dritte Teil, beeinflusst die Gesamtwirkung maßgeblich, wird aber noch viel zu wenig beachtet:  Leuchtreklame. Dazu zählen ganz normale beleuchtete Schaufenster genauso, wie leuchtende Schilder, Monitore in der Apotheke oder Medienfassaden im Stadtraum, wie z.B. an Kinos oder Autohäusern.

Was sagt die Norm?

Die ersten beiden Teile, Wegebeleuchtung und Architekturbeleuchtung, sind in Normen minimal geregelt (EN 13201 Straßenbeleuchtung, EN 12665 Beleuchtung, EN 12464 Arbeitsplätze im Freien, EN 12193 Sportstätten). Die EU-weiten Normen beachten ausschließlich die Sehleistung und den Sehkomfort, sowie die Sicherheitsbeleuchtung im Freien und legen dafür relativ hohe Werte an, die oft über dem liegen, was sich in Städten als Erfahrungswert bewährt hat.

Maximalwerte für künstliche Stadtbeleuchtung gibt es nicht und wie sich Städte gegen die negativen Auswirkungen von zu viel Licht oder schlecht eingesetztem Kunstlicht in der Nacht schützen können, ist nicht festgelegt.

Hier ist es wichtig, dass Du im Konzept konkrete Vorgaben machst, damit ein Gesamtbild in der Stadtbeleuchtung entstehen kann. Du darfst von der Norm abweichend planen, wenn die Stadt einverstanden ist und weniger Lichtverschmutzung und eine bessere Lichtwirkung möchte.

Mache auch auf die Auswirkungen des Kunstlichts aufmerksam: Licht in der Nacht bringt den Körper durcheinander, wenn es zu viel ist und die falsche Farbe hat. Der Mensch braucht nachts Dunkelheit, so wie er tags das Licht braucht. Fehlt die Nacht, so fehlt Lebensqualität. Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Störungen und Depressionen sind die Folge. Die Bürger sind sensibler für Licht geworden und klagen in Städten immer öfter über zu viel Licht.

Lichtfarben in der Stadt

Bei Handy, Tablet und Computer ist es ein bekanntes Problem: ist die blaue Lichtfarbe des Bildschirms zu hell, so kann kein Melatonin im Körper ausgeschüttet werden und der Körper bleibt ungewollt angeregt, das Einschlafen verzögert sich. Ganz genauso kann auch das Licht von Straßenleuchten die Körper von Menschen und Tieren beeinflussen.

Schlage deshalb eine Stadtbeleuchtung vor, die das Licht eng gebündelt dorthin lenkt, wo wir es wirklich brauchen. Durch weniger Streulicht und Blendung wird nicht nur älteren Mitmenschen das Sehen in der Nacht erleichtert, sondern auch der Lichtverschmutzung entgegen gewirkt und weniger Energie verschwendet.

Benutze gedimmtes Licht und wärmere Lichtfarben (3000K) mit höheren Farbwiedergaben. Mit LEDs ist das jetzt möglich und erschwinglich.

Kostensparen mit der Stadtbeleuchtung

Von fast 10 Millionen Straßenlaternen in Deutschland sind gerade mal 15% auf LEDs umgerüstet. Die Einsparungen, die den Städten und Gemeinden dadurch entgehen betragen jährlich ca. 500 Millionen Euro.

Falls Deine Kundschaft Angst vor unangenehm „kühlen“ LED-Licht hat, kannst Du ihn beruhigen. Das war ein Problem derer, die sehr früh auf die Innovation LED umgestiegen sind. Die ersten LEDs, mit denen alte Leuchtmittel einfach ausgetauscht wurden, waren reich an blauem Licht, das das Schlafverhalten stört. Die alten Straßenlaternen waren auch nicht für die erhöhte Lichtleistung ausgelegt und blenden nun kaltes Licht in alle Richtungen. Viele Hersteller für Straßenbeleuchtung haben sich auf die neuen Anforderungen bereits eingestellt und bieten ausgeblendete Lichtlösungen. Wenn Du die Möglichkeit hast, dann organisiere auf jeden Fall eine Bemusterung der Lichtfarbe bei Nacht.

Du kannst das Licht in bestimmten Zonen auch zeitlich begrenzen und es wie z.B. in Heidelberger Bahnstadt auf Radwegen gemacht wird. Hell scheint das Licht nur dort, wo es gebraucht wird (100m in Fahrtrichtung) und ist sonst gedimmt, ohne Mensch und Tier zu stören. Die höhere Investition für die Steuerungstechnik und LEDs für „mitlaufendes Licht“ amortisiert sich nach 9 Jahren, da 80% der Kosten für Strom und Wartung gespart werden.

Nicht damit gerechnet: Lichtreklame

Alle diese Punkte gelten auch für den dritten Bereich der Stadtbeleuchtung: die Lichtreklame.

In den Fußgängerzonen versuchen seit Jahren die Schaufenster sich in der Helligkeit zu überbieten, denn Licht erregt Aufmerksamkeit. Unser Auge wird vom hellsten Punkt in seinem Sehfeld immer angezogen, bzw. abgelenkt. Darum funktioniert Werbung mit Licht so gut und steigert tatsächlich den Umsatz der Geschäfte. Jeder will der Grellste sein und ohne beschränkende Regelung werden die Werbeanlagen ständig größer, heller, dynamischer und raumgreifender.

Um wirklich sicher zu gehen, dass Belästigungen der Nachbarschaft durch Licht vermieden werden, und es nicht durch Ablenkung zu Verkehrsunfällen kommt, braucht es klare Messzahlen und Regelungen. Die Architekten und Lichtplanerinnen Zielinska-Dabkowska & Hartmann haben dafür im Rahmen einer Fallstudie „Merkmale und Bewertungskriterien digitaler LED-Werbeanlagen“ zusammengestellt, die als Hilfestellung in der Planung und zur Vereinfachung von Antragsverfahren genutzt werden können. (siehe: „LED Werbeflächen im urbanen Kontext. Fallstudie ‚Walk‘: Fassadenintegrierte Videoinstallation eines Shops in Zürich/CH.“; Dr.-Ing. Arch. Karolina M. Zielinska-Dabkowska, Dipl. Ing. Julia Hartmann). Damit können Städte und Gemeinden prüfen, welche Auswirkungen die LED-Werbeanlagen auf Verkehrsbereiche, auf die menschliche Gesundheit, sowie auf Flora und Fauna haben.

Diese zusätzlichen Beleuchtungselemente sind oft viel heller, als die eigentliche Stadtbeleuchtung. Die Stadt muss sie als Teil der Stadtentwicklung im Gesamtkonzept der Stadtbeleuchtung unbedingt mitbedenken. Die gesetzlichen Regelungen zu diesem Thema sind derzeit noch nicht ausreichend, deshalb kannst Du Dich hier auf Immissionsschutzbestimmungen berufen und gemeinsam mit dem Bauamt oder der Landschaftsschutzbehörde, den Verkehrsbetrieben oder der Verkehrspolizei an einem Konzept arbeiten, das städtisch gültig ist.

Praxis: Stadtbeleuchtung planen

Das war die Theorie. In der Praxis, wie gesagt, ist ein Stadtraum ein großes Wohnzimmer. Was tagsüber lichtdurchflutet ist, braucht in den frühen Abendstunden auch noch viel Licht für verschiedene Aktivitäten (das gemeinsame Essen, Hausaufgaben, Hobbies bzw. Einkäufe und Treffen in der Fußgängerzone), aber je später es wird, umso weniger Licht benötigen wir. In der Nacht dimmen wir das Licht im Wohnzimmer und in der Stadt. Manche Zonen, wie der Esstisch, werden nachts gar nicht mehr benötigt und ganz gering beleuchtet. Nur so viel, dass man nicht dagegen stößt. Auf den Verkehrswegen (dem Weg in die Küche) gibt es gedimmtes Licht, das sicheres Gehen gewährleistet. Die Raumgrenzen und Wände sind zur Orientierung ganz geringfügig beleuchtet, wie auch die Gebäudefassaden der Stadt, die nur wenige Lux brauchen, um sich zu zeigen. Am Lesesessel gibt es Licht, genau dort, wo wir es brauchen und ein Ambient-Licht scheint um den Fernseher, hebt harte Kontraste auf und erleichtert das Sehen.

Es ist einfach, Aufenthaltsqualität städtischer Räume mit Licht zu steigern. Mit besserem Licht, weniger Licht und einer Planung, wie im Wohnzimmer.

Gesunde Stadtbeleuchtung - Nachthimmel
Quelle: www.nightearth.com

Dieser Artikel erschien zuerst im Architektur und Bau Forum.

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